Dieses Foto aus dem Jahr 1895, auf dem ein Mädchen die Hand ihrer Schwester hält, wirkte ganz normal – bis die Restaurierung diese verblüffende Tatsache ans Licht brachte…


Der Schlaf wollte nicht kommen, unterbrochen von Träumen von Glasaugen und Spitze. Bei Sonnenaufgang saß Nora wieder an ihrem Schreibtisch, ihr Computerbildschirm füllte sich mit Nebeneinander-Vergleichen des Bildes und bekannter historischer Beispiele viktorianischer Gedenkfotografie. Das jüngere Mädchen erfüllte fast alle Kriterien: die unnatürliche Regungslosigkeit, die großen, unblinzelnden Augen, die Art, wie die Kleidung drapiert war, um die Stützständer zu verbergen.

Nora begann, ihren Katalogeintrag zu verfassen, ihre Finger flogen über die Tasten. „Das Motiv scheint ein posthumer Auftrag zu sein …“ Sie hielt inne, ihr Cursor blinkte rhythmisch auf dem weißen Bildschirm.

Etwas ließ ihr keine Ruhe. Sie zoomte das Gesicht des älteren Mädchens heran. Es war nicht das Trauersbild, das sie erwartet hatte. Es gab keine Trauer, keine Feierlichkeit, nicht einmal die geübte Melancholie, die solche Porträts erfordern. Stattdessen war da ein Anflug von sanfter, nachvollziehbarer Ungeduld – eine Falte in der Stirn, die leichte Verschiebung einer belasteten Hüfte. Es war der unverkennbare, menschliche Ausdruck eines Kindes, das sich wünschte, der Fotograf würde sich endlich beeilen, damit es spielen gehen könne. Das war nicht das Gesicht einer Schwester, die neben einer Leiche stand. Nora beugte sich vor und runzelte die Stirn. Wenn das Mädchen noch lebte, warum sah sie dann so tot aus?