Die Luft in der riesigen Auktionshalle war schwer vom Geruch nach Bodenwachs und Geschichte. Nora Vincent zog ihre Strickjacke enger um sich und schlängelte sich durch Reihen von Mahagoni-Kommoden und Stapeln mottenzerfressener Textilien. Als professionelle Archivarin hatte sie gelernt, dass die wichtigsten Geschichten selten diejenigen waren, die auf dem Auktionspodest standen; es waren vielmehr jene, die in den ausrangierten Kisten darunter vergraben lagen.
Sie hockte sich neben einen Stapel ledergebundener Geschäftsbücher, die nach feuchten Dachböden rochen. Eingeklemmt zwischen einem angelaufenen silbernen Teeservice und einem Stapel Briefwechsel befand sich ein kleiner, schwerer Bilderrahmen. Es war eine viktorianische Fotografie, deren Silberemulsion zu sepiafarbener Geisterhaftigkeit verblasste. Sie zeigte zwei Mädchen in steifen, weißen Kleidern mit Spitzenkragen. Sie standen auf einem Teppich, das eine etwas älter, und umklammerte die Hand eines kleineren Mädchens mit solcher Heftigkeit, dass ihre Knöchel selbst im körnigen Licht weiß erschienen.
Etwas an dem Gesichtsausdruck des jüngeren Mädchens – ein leerer, glasiger Blick – und die unnatürliche, verkrampfte Haltung ihrer Gliedmaßen ließen Nora einen Schauer über den Rücken laufen. Es war eine heftige, instinktive Reaktion. Sie zögerte nicht. Für zwölf Pfund überreichte der Auktionator ihr dieses Stück Vergangenheit. Nora verspürte ein seltsames, anhaltendes Ziehen, als sie es in ihre Tasche steckte…