Am nächsten Morgen warf Samuel die traditionellen Ausbildungshandbücher weg. Frühere Betreuer hatten versucht, Luna mit Dominanztaktiken, lauten Kommandos und heftigen Stößen zu kontrollieren. Für ein traumatisiertes Raubtier waren das keine Trainingsmittel, sondern Kriegserklärungen. Samuel wählte eine Strategie, die ein quälendes Maß an Geduld erforderte: passive Koexistenz. Er brachte weder Futter noch Trainingsklicker mit. Er öffnete einfach die äußere Sicherheitsbarriere, ging in den Zugangsbereich des Tierpflegers direkt vor Lunas Gehege und setzte sich im Schneidersitz auf den kalten Betonboden.
Er hielt einen Abstand von einem Meter, schlug ein Buch auf und begann leise zu lesen. Die Reaktion kam sofort. Luna stürzte aus ihrem Bau, knurrte und schlug nach den Eisenstäben, ihre Krallen zerrissen die Luft nur wenige Meter vor seinem Gesicht. Die drohende Spitzengewalt war nah genug, um die Hitze ihres Atems zu spüren. Aber Samuel tat etwas, das völlig kontraintuitiv war. Er bewegte sich nicht. Er atmete langsam, tief und in perfektem Rhythmus und ignorierte sie völlig.