Jede Nacht hörte sie Geräusche vor ihrer Tür – als sie herausfand, warum, war es schon zu spät…

Um 1:40 Uhr morgens war das Schaben wieder zu hören, leise und bedächtig, als würde ein Möbelstück einen Zoll weit geschoben und dann zum Stillstand kommen. Yelena lag regungslos da, die Augen weit aufgerissen in der Dunkelheit, und zählte die Sekunden, bis es wieder passierte. Es passierte nicht.

„Sind nur die Rohre“, flüsterte sie in das leere Schlafzimmer hinein, wobei ihre Stimme dünn und wenig überzeugend klang. Sie redete sich ein, dass das Gebäude alt sei – dass sich das Holz zusammenziehen und Teile unter der brutalen Februar-Kälte setzen würden. Da sie nun schon seit acht Monaten in dieser Wohnung lebte, kannte sie deren übliche nächtliche Geräuschkulisse: das vorhersehbare Ticken des Heizkörpers, die nächtlichen Duschen des Nachbarn im Obergeschoss und das Knarren des Aufzugs zwei Stockwerke tiefer. Das hier gehörte nicht dazu. Es war viel näher, vielleicht direkt vor ihrer Haustür.

Sie setzte sich auf und hielt den Atem an, bis es ihr vor Anstrengung buchstäblich in den Ohren klingelte, doch sie hörte nichts mehr. „Reiß dich zusammen, Yelena“, murmelte sie und rieb sich das Gesicht. Als sie schließlich wieder einschlief, hatte sie sich halb davon überzeugt, dass es nur ein lebhafter Traum gewesen war. Diese Nacht war einfach das erste Mal, bei dem sie noch nicht wusste, dass sie Angst haben musste – die letzte gewöhnliche Nacht, bevor sie anfing, den Überblick zu behalten.