Eines der auffälligsten modernen Beispiele findet sich heute in Arles in Südfrankreich. Das „Atelier Luma“ ist in einer ehemaligen Eisenbahnwerkstatt untergebracht, die zu einem funktionierenden öffentlichen Schaufenster für lokale Materialien umgebaut wurde. Die Designer befassten sich mit den Abfallströmen aus der umliegenden Region und stellten eine einfache Frage: Was könnte man aus Dingen bauen, die ohnehin schon weggeworfen wurden? Der Anbau von Sonnenblumen wurde schnell Teil der Antwort. Im Inneren des Gebäudes wurden Nebenprodukte der lokalen Sonnenblumenindustrie zu Akustikplatten verarbeitet. Das Mark und die Fasern werden zerkleinert und zu einem Material geformt, das Schall absorbiert. Dabei gibt es einen wichtigen Unterschied: Die Sonnenblumenplatten dienen dort der Schalldämmung, während lokale Reisstrohballen in anderen Bereichen des Projekts für die Wärmedämmung sorgen. Das Gebäude nutzt zudem recycelten Lehm, Salz, Pflanzenfarbstoffe und andere regionale Materialien auf unerwartete Weise.
Es gibt noch einiges zu tun, bevor Materialien auf Sonnenblumenbasis in Haushalten alltäglich werden. Ein gutes Dämmprodukt muss mehr leisten, als nur Wärme zu bremsen. Es muss feuerfest sein, Feuchtigkeit regulieren, verrottungsbeständig sein, seine Form behalten und sich praktisch herstellen lassen. Forscher testen weiterhin verschiedene Mischungen, Bindemittel, Dichten und Behandlungsverfahren. In einigen Studien werden Sonnenblumenstängel mit Gips, Reisschalen, Textilfasern oder anderen Materialien kombiniert, um die Leistungsfähigkeit zu verbessern. Sonnenblumen werden bereits in großem Umfang angebaut. Nach der Gewinnung der Samen und des Öls bleiben große Mengen trockener Stängel übrig. Wenn ein Teil dieses Materials neu hergestellte Dämmstoffkomponenten ersetzen kann, erhalten Landwirte eine weitere Verwendungsmöglichkeit für ein Nebenprodukt, und Bauherren eine weitere Option aus erneuerbaren Ressourcen. Es wird nicht für jedes Gebäude oder jedes Klima geeignet sein. Aber es bietet Ingenieuren ein weiteres Material, mit dem sie arbeiten können.
Und damit sind wir wieder bei der Frau angelangt, die neben ihrer Hütte stand, als der Schneesturm losbrach. Sie bemerkte nur das, was alle anderen übersehen hatten. Der trockene Halm war leicht. Er war luftdurchlässig. Er stand zur Verfügung. Sie nutzte ihn. Heute stellen sich Labore und Architekten dieselbe grundlegende Frage auf weitaus ausgefeiltere Weise: Welches nützliche Material werfen wir noch immer weg?